Japanische Schwertkunst Iaidō - Rudi Müller, kyoshi, 7. Dan

Bild: Courtesy by Annette Maul
Bild: Courtesy by Annette Maul

Ich lernte Rudi Müller 2018 auf den Deutschen Iaidō Meisterschaften in Bad Homburg kennen. Als sehr junger Padavan wusste ich bis dorthin nicht einmal, dass es sportliche Wettkämpfe im Iaidō gibt. Nach nur 11 Monaten in dieser Kampfkunst kein Wunder. Ich kannte nichts und niemanden (außer Sylvia Ordynsky aus dem vorherigen Aikidō-Leben) und wurde geworfen in eine neue Welt. Rudi war, trotzdem ich ihn nicht kannte, immer präsent. Er wanderte hierhin, da entlang, regelte Dinge, sprach mit den Organisatoren, kümmerte sich um die "Grauröcke" und es schien, als wäre er als Verantwortlicher der zentrale Punkt. Ich kämpfte mich mit flatterndem Hakama und ebensolchem Nervenkostüm bis ins Finale vor, als ich eine schwere Hand auf meiner Schulter spürte. Rudi Müller. Finale, gell? Ja. Aber nicht mit diesem Zekken!

Ich hatte noch kein Zekken des NIAIB und sofort brach helle Panik aus. Danke, lieber Rudi. Du hast mit nur zwei Sätzen meine Unruhe, meine Sorgen, Zweifel und Ängste innerhalb nur ein paar Sekunden aus der Welt geschafft. Beziehungsweise abgelenkt, denn ich brauchte ja ein Zekken. Wie McGiver zischten meine damaligen Sensei los und bastelten aus Krepp-Band und fettem Filzstift ein Behelfs-Zekken, klebten es mir auf die Brust und ich konnte antreten. Deutscher Vize-Meister. Nach nur 11 Monaten Training. Die Zekken-no-kata war Bestandteil davon und ich werde es nie vergessen.

Im Laufe der Jahre habe ich erkannt, dass zu Seminaren, Wettkämpfen und Lehrgängen immer diegleichen Leute erscheinen. Eine Handvoll auserwählter Enthusiasten, die Iaidō sehr ernst nehmen, ohne das Lachen verloren zu haben. Rudi Müller ist nicht nur fester Bestandteil dieser Bruderschaft, sondern als einer der (derzeit) Höchstgraduierten Iaidōka  Deutschlands nicht wegzudenken.

1. In welchem Alter bist du zur Kampfkunst gekommen und falls es nicht direkt Iaidō war, welche war es?


Ich war 16 und die erste Kampfkunst, die ich zu erlernen begann, war Karate. Als ich mit der „Mittleren Reife“ das Gymnasium verließ, um eine Banklehre zu beginnen, hatte ich außer mäßigem Schulwissen keinen Plan für mein künftiges Leben. Aber eins wusste ich genau, ich wollte mich sportlich betätigen. Außerhalb des Schulsports hatte ich nur Handball kennen gelernt, das ich in einem Sportverein zwei Jahre lang recht erfolglos gespielt hatte. Welchen Sport also wählen? Da erzählte mir ein Jugendfreund von einem jungen Mann in seiner Nachbarschaft – es war Wolfgang Pagenburg –, der sich in Karate übte und schon Braungurt hatte. Karate – das hatte damals den Hauch von Unbesiegbarkeit. Wir waren begeistert und begannen sofort mit dem Training. Knapp 3 Jahre lang übten wir bis zu dreimal die Woche. Dann lernten wir Aikidō kennen und übten parallel diese Budō-Kunst für eine kurze Zeit, denn es kam die Bundeswehr, die erste feste Freundin, die erste eigene Wohnung, Hochzeit – das Leben änderte sich. Ich wurde dem Budō untreu, wurde Waldläufer, Leichtathlet.

 

2. Wie genau bist du zum Iai gekommen und welchem Sensei bist du gefolgt?


Es war wieder Wolfgang Pagenburg, der mich auf den rechten Pfad zurückholte. Mit Aiki-ken und Aiki-jō hatte er mich auf die Matte zurückgelotst. Und dieser Wolfgang Pagenburg brachte 1983 von einem Aikidō-Sommerlehrgang eine neue Budō-Kunst mit, die wir umgehend in unser Aikidō-Stock- und Schwerttraining integrierten – Iaidō! Dies ist nun bald 40 Jahre her! Sylvia Ordynsky hatte es fertiggebracht, Sagawa Sensei, damals noch Iaidō hanshi 8. dan, nach Deutschland einzuladen, um interessierten Aikidōka Iaidō zu vermitteln. Keine drei Monate später haben wir Sylvia zum ersten Iaidō-Lehrgang nach Bamberg eingeladen. Somit war Sylvia mein erster Sensei. Als sie mich 1986 mit nach Tōkyō nahm und wir zusammen mit Franz Klüners (jetzt: Jahns) und Klaus Stolle vier Wochen lang im Hakushinkan Iaidō übten, sah ich Sagawa Sensei als meinen höchsten Lehrer an. Dies blieb bis Anfang der 2000er Jahre, als Soejima Sensei die Nachfolge antrat. Als dieser uns aus Altersgründen entließ und uns empfahl einen neuen Lehrer zu suchen, lernte ich 2011 Furuichi Sensei kennen. Seit 2016 darf ich mich "Member of the Shōshikai family" nennen. Loyalität ist eine Samurai-Tugend, die auch beim Iaidō erwartet wird. Daran habe ich mich gehalten, auch wenn ich zeitweise spürte, dass meine Entwicklung dadurch stagnierte.

3. Welche Unterschiede gibt es zum Iaidō selbst vom Beginn deiner Karriere und heute?


Zunächst einmal die technische Seite: Kleine Änderungen im technischen Ablauf hat es immer wieder gegeben und wird es auch künftig immer wiedergeben. So erinnere ich mich beispielsweise an die kata sanpōgiri. Bis 1990 waren es keine fünf Schritte bis zum nukitsuke, sondern drei wie bei allen anderen kata aus dem Stand; man drehte sich vollständig zum rechten Gegner und führte den einhändigen Schnitt senkrecht aus. Aber das ist nicht entscheidend. Man darf nicht vergessen, dass Sagawa Sensei bei der Zusammenstellung der ersten 7 Zen Ken Ren kata (seitei-Iai) mitgewirkt hat. Wir erlernten die neuen Iai-kata also aus erster Hand. Von Anfang an war Sagawa Sensei zudem bemüht, uns beizubringen, unser Schwert locker zu führen. Als einer der letzten Iaidō 9. dan, wusste er noch aus Erfahrung, wie ein Katana zu  führen ist. Wir versuchten natürlich seine Anweisung umzusetzen, schafften es nur bedingt mit einem „weichen“ Schnitt. Was waren wir  damals entsetzt und verwirrt, als wir erstmals auf europäische Iaidōka außerhalb Deutschlands trafen. Wir sahen nur kraftvolles "Gehacke" nach dem Motto "Hau den Lukas". Unsere Art und Weise zu schneiden muss für die anderen wie Streicheln ausgesehen haben. Mittlerweile haben wir gelernt durch Schnelligkeit Schärfe in unsere Schnitte zu bringen und glücklicherweise reduzierte sich auch die übertriebene Schnittstärke außerhalb Deutschlands, so dass wir uns aneinander angeglichen haben. Und das ist wichtig, dass das Zen Ken Ren Iai in Europa nicht unterschiedlich praktiziert wird.

4. Inwieweit hat sich die „Iaidō-Szene“ im Laufe der Zeit verändert?


Was wir am Anfang in Deutschland nicht hatten, waren hochrangige Lehrer vor Ort. Selbst Sylvia hatte 1983 gerade mal den 2. Dan Iaidō. Und wir hatten nicht die Kommunikationstechnik von heute. Wenn wir zu einem Iaidō Lehrgang einladen wollten, bedeutete das, eine Ausschreibung händisch oder mit Schreibmaschine zu erstellen, diese im Kopierladen x-mal zu vervielfältigen, falten, eintüten, 50-100 Umschläge per Hand mit den Adressen zu versehen, die man bei früheren Lehrgängen gesammelt hatte, Briefmarken kaufen, diese aufkleben (lecker), die Kuverts zukleben (lecker) und ab damit zur Post. Man musste also außer Spucke auch viel Zeit und einiges Geld schon im Vorfeld investieren. Aber wir verstanden uns als Iaidō-Pioniere, die die Lehre von Anfang an in die Breite bringen wollten. Wenn ich heute auf die Anzahl der organisierten Iaidōka in Deutschland schaue, so meine ich, ist uns das leider nicht in dem Maße gelungen, wie wir uns das in den Anfangsjahren erträumt haben. Ich hoffe es lag an der nur wenigen zugänglichen Lehre des Iai als an uns. Nach wenigen Jahren wurde die Iaidō-Szene internationaler. Anfangs trafen wir noch recht skeptisch eingestellt auf den European Iaidō Championships auf "Gegner" aus anderen Ländern. Wenn ich in den letzten Jahren als Wettkampfrichter bei den. E.I.C’s die Teilnehmer dieser Events beobachtet habe, gewann ich den Eindruck, dass sich bei allem sportlichen Ehrgeiz, alljährlich gute Freunde wiedertreffen. Das ist für mich die schönste Veränderung in der europäischen Iaidō-Szene (und natürlich, dass all unser Iai besser geworden ist).

5. Gibt es ein Schlüsselerlebnis, wo du auf einmal dachtest: Jetzt habe ich Iaidō verstanden!


Nein. So weit bin ich noch nicht. Ich denke, um Iaidō wirklich verstehen zu können, musst du Japaner sein, in Japan aufgewachsen und Iaidō studieren.


6. Man kann Karate oder Judo als reinen Sport betrachten und ausführen, denkst du, das geht auch mit Iaidō oder steckt da mehr dahinter, oder würdest du sagen: Ohne diesen und diesen Aspekt bleibt Iaidō tot und leer?


Ich denke, man kann, zumindest am Anfang und/oder in jungen Jahren, Iaidō ohne den philosophischen Hintergrund/Überbau trainieren. Aber eigentlich gehört es doch bei jeder Budō-Kunst dazu. Vielleicht beschäftigt man sich beim Iaidō etwas früher damit als zum Beispiel beim Judō oder Karatedō. Beim Iaidō gibt es ja keinen realen Gegner, an dem oder besser mit dem ich die Wirksamkeit meiner erlernten Technik ausprobieren kann. Da ein Iaidōka sehr frühzeitig erfährt, dass seine  Unzulänglichkeiten nur durch ihn selbst  verursacht werden, fragt er sich eher, was mache ich da und warum tu ich das.


7. Ich hörte öfter, dass Iaidō in Japan als „höhere“ Kampfkunst gewertet wird. Stehst du dahinter oder eher nicht und warum?


Letztendlich ist doch ein jeder von dem was er denkt und tut mehr oder weniger überzeugt, sonst würde er es nicht schätzen und sich lieber mit etwas anderem beschäftigen. Ich liebe es Iaidō zu üben und zu unterrichten, aber ich neige nicht dazu, es überzubewerten.

 

8. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Ehepaare und dieselbe Kampfkunst nicht immer einfach zu handhaben sind. Gibt es ein General Rezept für familiären Frieden?


Kann es sein, dass Probleme in einer Partnerschaft, in der beide sich zusammen in einer oder mehreren Kampfkünsten üben, davon  abhängt, wer der Höhergraduierte ist? Ich schätze, dass Männer schwieriger damit umgehen könnten, wenn ihre Frauen (auch) hierbei den Ton angeben würden. Ich konnte oft beobachten, dass Frauen häufig mit der Sportart angefangen haben, die deren Partner gerne ausübt. Mir fällt da spontan eine rotgesichtige Frau auf einem Rennrad ein, die ihrem drahtigen Mann hinterherhechelte. Wenn man sich, bei welcher Sportart auch immer, zu sehr quälen muss, wird man über kurz oder lang die Lust daran verlieren. Vielleicht ist ein Agreement die Lösung: "Schatz, wenn du mit mir zusammen Iaidō übst, dann gehe ich auch mit dir regelmäßig zum Tanzkurs".

9. Wie empfindest du die ganz besondere Beziehung zwischen Schüler und Lehrer?


Sehr angenehm! Ich habe in den vielen Jahren, in denen ich unterrichtet habe, so gut wie keinen
Schüler erlebt, der sich ungebührlich verhalten hat. Wichtig ist dabei für mich und auch als Empfehlung an alle Lehrer: Respekt und Höflichkeit ist keine Einbahnstraße! Aber der Lehrer muss auch einmal schimpfen dürfen.


10. Als einer der drei Höchstgraduierten Iaidōka Deutschlands kennst du die Szene sehr lange. Welche Zukunft siehst du für Iaidō?


Eine positive! Auch wenn ich nicht erwarte, dass das Interesse an Iaidō plötzlich exponentiell
steigt, so bin ich doch zuversichtlich, dass Iaidō in Deutschland nicht ausstirbt. Dies ist aber kein Automatismus. Alle aktiven Iaidōka, ob Übungsleiter, langjährig Übender oder Anfänger, sollen ständig bemüht sein, für ihre Budō-Kunst zu werben, um Nachwuchs zu generieren und – alle langjährigen Übungsleiter, besonders die Älteren, müssen dafür Sorge tragen, einen  Nachfolger zu entwickeln.


11. Wenn du die Nachrichten verfolgst… insbesondere der Punkt: „Kulturelle Aneignung“… bist du besorgt?


In keinster Weise! Nehmen wir zum Beispiel Fußball. Wer hat's erfunden? Die Maya vor rund 3000 Jahren, die Chinesen im dritten Jahrhundert v. Chr. oder doch die Engländer im 19. Jahrhundert? Ich wäre gespannt auf die Reaktion von deutschen Fußballfans, wenn man ihnen diese Frage stellt. An dieser Stelle möchte ich es nicht versäumen mich zu entschuldigen, dass ich meine Antworten nicht gegendert habe.


12. Wie hast du über all die Jahre deine Leidenschaft nicht verloren?


Eine Leidenschaft, die Leiden schafft? Nein, ich leide nicht an/durch Iaidō. Sicher gab es in all den Jahren Höhen und Tiefen. Mir drängt sich der Vergleich zu einem Ehepaar auf, das seit Jahrzehnten harmonisch zusammenlebt und die Herausforderungen des Lebens gemeinsam
gemeistert hat. Die anfänglichen Leidenschaft wandelt sich in tief empfundene Liebe.

 

Lieber Rudi, vielen Dank für deine Zeit und Offenheit. Ich hoffe, dass dieses Interview hilft, zu verstehen. Onegai shimasu!